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Auch Selbsthilfegruppen brauchen Geld
von Sylvia Schneider

Für viele Menschen mit chronischen Krankheiten, besonderen Leiden oder seltenen Behinderungen ist die Mitgliedschaft in einer Selbsthilfegruppe oft überlebenswichtig. Denn hier meistern sie die Probleme des Alltags gemeinsam, erhalten Insider-Informationen, Tipps für den Umgang mit der Krankheit und vor allem das Gefühl, mit dem jeweiligen Leiden nicht allein zu sein. Hier können sich die Mitglieder gut aufgehoben und objektiv beraten fühlen.

Das Geschäft auf Gegenseitigkeit mit der Pharmaindustrie kann für die Betroffenen durchaus von Nutzen sein. „Ohne die Pharmaindustrie würde es uns nicht geben", hört man immer öfter im Gespräch mit den segensreichen Selbsthilfe-Organisationen. Auch die Teilnahme an Studien wird meist positiv gesehen, solange sie den Teilnehmern nützt. Selbsthilfegruppen, für deren Krankheiten keine Therapien zur Verfügung stehen, schauen dabei allerdings „in die Röhre". Auch die Initiativen, die der Schulmedizin und Pharmaindustrie kritisch gegenüber stehen, sind nicht gerade die Lieblinge der Geldgeber.

Denn nicht immer sind diese neuen Vernetzungen zum Wohle der Mitglieder ausgelegt. Deren wirkliches Anliegen gerät allzu schnell zugunsten pharmazeutischer Forschungen aus dem Blickfeld, nämlich das Leben mit der Krankheit bestmöglich zu bewerkstelligen und dabei Unabhängigkeit im Alltag zu bewahren. Für die Pharmafirmen ist dies hingegen eine höchst erfreuliche Entwicklung. Sie kommen ihrem Endverbraucher damit ein großes Stück näher, umschiffen elegant das Werbeverbot für verschreibungspflichtige Medikamente und lancieren ihre Produkte direkt in die Selbsthilfegruppen und deren Organe.

Mein Rat an Sie: Wenn Sie erkrankt sind oder ein chronisches Leiden haben, sind Medikamente sehr wahrscheinlich von großer Bedeutung für Ihre Behandlung und Genesung. Viele Arzneien sind einfach unersetzlich und natürlich ist nicht alles schlecht, was die Pharmaindustrie macht. Kritisch wird es jedoch immer dann, wenn die mit einer Therapie verbundenen Risiken unter den Teppich gekehrt werden, wenn die Risiken höher sind als der Nutzen. Deswegen ist eine unabhängige und kritische Haltung wichtig - so wie in dem Thriller „Das Pharmakomplott" beschrieben, von dem ich Ihnen in der vergangenen Woche berichtete. Deshalb ist auch die Rückendeckung durch eine Selbsthilfegruppe von so enormer Bedeutung, weil Sie als Einzelner kaum noch zu beurteilen vermögen, was gut und richtig ist. Wenn Sie sich einer solchen Organisation anschließen wollen, prüfen Sie genau, wie unabhängig diese Gruppe ist. Erhalten Sie hier unabhängige oder gesteuerte Informationen, die nicht unbedingt zu Ihrem Wohl sind?


Selbsthilfegruppen als Marketing-Maßnahme der Industrie
von Sylvia Schneider

Natürlich tut man den seriösen und hilfreichen Selbsthilfegruppen unrecht, wenn man alle über einen Kamm schert. Daran hat unter anderen Leser Eckhart von der Arthroseselbsthilfe erinnert - zu Recht. Doch immer mehr Selbsthilfegruppen unterhalten aus finanziellen Erwägungen heraus, eine Beziehungen zur Pharmaindustrie. Vor allem Brustkrebsinitiativen werden von der Industrie bevorzugt gesponsert - wahrscheinlich, weil die betroffenen Frauen in dieser Notsituation für Zuwendung besonders empfänglich sind. Das prangerte unlängst die Organisation „Transparancy international" an, die sich mit der Korruption im Gesundheitswesen befasst.

Gibt es noch keine Selbsthilfegruppe zu einem bestimmten Thema, gründet die Unternehmen immer häufiger schnell selbst eine. So bilden sich beispielsweise auf Initiative von Konzernen Bündnisse und Vereinigungen mit Betroffenen. Eine solch unglückselige Verstrickung versteckt sich beispielsweise immer häufiger hinter Organisationen, die vordergründig von Frauen mit Brustkrebs ins Leben gerufen wurden. Diese organisieren dann Kongresse und Veranstaltungen für Brustkrebspatientinnen. Die Treffen werden von der jeweiligen Firma gezahlt und quasi auch „überwacht". So übernimmt diese beispielsweise die Pressearbeit für die Selbsthilfegruppe. Erklärtes Ziel ist es, Brustkrebspatientinnen „pharmafähig" zu machen. Hier werden auch Versuchsfrauen für die klinische Forschung gewonnen. Vor allem soll das Werbeverbot für verschreibungspflichtige Medikamente unterlaufen oder mit Hilfe der Selbsthilfegruppen gar abgeschafft werden. Wenn schwer kranke Menschen so etwas fordern - am besten im Rollstuhl oder auf Krücken, werden nämlich selbst hartgesottenen Politikern die Knie weich.

Immer öfter werden Selbsthilfegruppen in große PR-Kampagnen der Pharmaindustrie eingebunden, wenn es darum geht neue Medikamente oder Behandlungsverfahren unter das Volk zu bringen. Disease-Awareness-Kampagnen heißt diese Strategie, mit der das Feld für die Einführung neuer Medikamente vorbereitet wird. Die jeweilige Krankheit wird zum Volksleiden hochstilisiert, dass unter allen Umständen behandelt werden muss. Bei diesem so genannten „Prämarketing" werden gezielt Bedürfnisse nach Medikamenten geweckt, die es noch gar nicht gibt. Neue Mittel sind häufig wesentlich teurer als die herkömmlichen Arzneien und haben angeblich meist weniger Nebenwirkungen (was aber oft nicht stimmt). Empfiehlt eine Selbsthilfegruppe ein solches Präparat, wächst die Glaubwürdigkeit des Herstellers und die Neigung wächst, das teure dem herkömmlichen und gut erprobten Präparat vorzuziehen.